Segeltörn 2012

Mit Captain Poweronoff, Fledermaus Jupp und anderen skurrilen Gestalten an Board der Jusephina, unterwegs auf dem niederländischen Ijsselmeer. Ein Sprichwort des gemeinen Seglers sagt angeblich: Wer in einer Bavaria sitzt sollte nicht mit Steinen schmeißen … aber das hatten wir doch auch wirklich nicht vor, ganz ehrlich nicht, ich schwöre! Woher hätten wir auch die Steine nehmen sollen? Am Hafen gibt es eigentlich, abgesehen von den ganzen coolen Yachten, nur Strom, Wasser und Diesel. Nein, wir wollten Action und die bekamen wir auch, doch immer schön der Reihe nach…

Am Freitagmorgen fuhren wir mit 5 lustigen Gesellen (Christian, alias PJ – Papa Jupp, Andre D. alias Captain Poweronoff, der Mann mit dem Russenwecker, Andreas, die amtierende Rheder Weinkönigin Andre K alias Knochina I. und meiner Wenigkeit) im schwarzen VIP-Bus, vollgepackt bis unters Dach mit allem was richtige Kerle so für ein verlängertes Wochenende auf hoher See brauchen los in Richtung Deutsch-Niederländischer Grenze, Kollege TomTom war bereits seit Wochen auf Lemmer programmiert. Dort sollten wir auf Peter treffen, einen guten Kumpel von Andreas, der vor ein paar Jahren alles richtig gemacht hat und der deutschen Heimat mit samt seiner Familie den Rücken gekehrt und sich bei unseren tieferliegenden Nachbarn (ja die, die gar keinen Fußball spielen können) angemeldet und niedergelassen hat. Und was braucht ein anständiger Holländer? Also ich meine, mal ganz abgesehen von einer Anhängerkupplung und einem Wohnwagen? Richtig, ein Boot! Und genau ein solches wartete bereits am Yachthafen in Lemmer auf uns. Allerdings nicht der Petersche Kahn, der wäre zu klein gewesen sondern was Größeres, was viel Größeres! Ratz, fatz war der VIP-Bus ausgeladen und der Kahn, eine Bavaria 36, bis unters Dach vollgeladen (schnell merkte man auch, was hier fototechnisch angesagt war: Weitwinkel und Fischauge waren unsere besten Freunde), die Wassertanks befüllt und die Bord-Akkus geladen. Den richtigen Kanal am Marifon eingestellt, die Leinen los, die Fender rein und es ging mit dem 26 PS-Volvo in Richtung Schleuse.

Wusstet Ihr eigentlich, dass es segelnde Fledermäuse gibt? Kein Scherz, es gibt sie wirklich, jedenfalls seit diesem Wochenende. Christian, seines Zeichens Fledermausschützer, konnte unglücklicherweise keine Nanny für sein Pflegekind, eine Baby-Fledermaus finden. So blieb ihm nichts anderes übrig, als das Küken mit auf hohe See zu nehmen, schließlich wollte der kleine Batman regelmäßig gefüttert werden. Alle waren sich einig, die erste, segelnde Fledermaus brauchte noch einen Namen! Passend erschien uns der Namen des Schiffes – Jusephina, doch das Geschlecht sollte nicht so recht zum Namen passen, also tauften wir den Kleinen kurzerhand Juseph, kurz Jupp.

Nun denn, los ging es, Wetter gut, alles gut … die Schleuse passiert, raus aus der Bucht und rauf aufs offene Ijsselmeer, die Segel entknittert und ordentlich stramm gezogen und dann gib ihm. Windstärke 4-5, kein Weltuntergang aber für den Anfang und uns Landratten doch schon ganz ordentlich, da war Action angesagt, immer hart am Wind … Nachdem jeder einmal das Steuer geführt und seinen persönlichen Geschwindigkeitsrekord aufstellen durfte schossen wir mit max. 8.3 Knoten und einer Schräglage von bis zu 50° unserem ersten, spontanen Ziel entgegen, dem Hafen von Stavoren, wo wir auch die Nacht verbringen sollten. Zwischendurch, auf hoher See, wurde es plötzlich ein bisschen hektisch unter Deck, Peter unser Skipper faselte irgendetwas von Wassereinbruch am Fenster an Steuerboard und rannte dabei immer wieder mit einer Kaffeetasse voll frischem Ijsselmeerwasser durch den Salon. Zum Beweis wurden gleich ein paar Fotos gemacht und per modernster Funktechnik zum Yachthafen rüber gefunkt, denn das muss man den Holländern ja lassen, fast der gesamte Teich war mit 3G abgedeckt.

Am Abend tauchten dann so langsam die immer größer werdenden Lichter der kleinen Hafenstadt Stavoren am Horizont auf. Gab es bei der U21 beim Auslaufen und bei der Heimkehr nicht immer so eine Blaskapelle, die am Hafen rumdudelte? Naja, wir mussten uns wohl ohne zufrieden geben, dafür hatte man aber was anderes für uns vorbereitet, eine riiiiesen Kirmes, jedenfalls so etwas ähnliches, etwas, was unsere friesischen Nachbarn auf der holländischen Seite für eine derartige zu halten schienen: Zwei bis drei verrostete Karussells, die einen Haufen Palaver machten und ein reichlich schiefes Bierzeltchen (in dem ich wirklich, ungelogen, das schlechteste und süßeste Bier meines Lebens trinken musste) mit einer Hüpfburg davor, die Einheimische auch anurinieren durften, während darauf die Kinder rumtobten. Im Inneren der Nylonburg wurden wir Zeugen eines noch nie gesehenen Ereignisses: Dem weltberühmten Wie-lange-kann-ich-den-Anker-hoch-halten-Wettbewerb-der-Frauen … einfach Klasse! Nachdem die Siegerin des Contests gekürt war und sich die Besatzung der Bavaria von dem guten Zelt-Tropfen (der unweigerlich die 2 Kilogramm Gehacktes plus 1.5 Kilogramm Nudeln des Abendessens geteilt durch 6 Personen in unseren Mägen zum Schwimmen bringen musste) erholt hatten, ging es zurück auf unseren Dampfer und auch schon bald in die Kojen, jaha, Segeln macht nicht nur hungrig und durstig sondern auch unendlich müüüüüde …

Am kommenden Morgen gab es dann erst einmal DAS Segler-Frühstück schlechthin, den Klassiker: Rühreier mit Speck und Käse (den Käse übrigens direkt mit in die Pfanne geknallt und quasi in die Eier mit ‚eingebraten‘ – kannte ich so auch noch nicht, schockt aber definitiv!) … denn merke: Es gibt nichts, was man nicht mit Käse überbacken kann! Eine Seglerweisheit? Nö, unsere Weisheit! Nachdem die Crew gefrühstückt hatte, und Jupp gefüttert wurde (leider hatte er wieder mal keinen großen Appetit) gab es noch schnell eine erfrischende Dusche auf dem Achterdeck. Es war mittlerweile bereits kurz vor 10.00 Uhr als der alte Volvo-4-Zylinder angelassen wurde und wir die Hafenausfahrt entlang, wieder zurück aufs Ijsselmeer zu steuerten… eine dudelnde Blaskapelle stand wieder nicht am Kai, aber was soll‘s … Wetter immer noch gut, Wind aber leider etwas weniger als am Vortag, also ließen wir es mal etwas ruhiger angehen und liefen auf einen leckeren Kaffee im Hafen vom idyllischen Örtchen Hindeloopen ein und beschlossen spontan uns das historische Dörfchen genauer anzusehen, so beispielsweise auch den schiefen Kirchturm. Zur Mittagszeit kletterten wir dann wieder auf die Bavaria und steuerten das nächste Ziel an, das auf der anderen, der westlichen Seite des Ijsselmeeres liegt: Medemblik.

So sehr wir uns auch abmühten aber bei der gemeldeten Windstärke von 2 bis 4 wollte sich so recht keine Action einstellen, mit maximal 6 Knoten und gefühlt viel zu wenig Schräglage ging es weiter, gemütlich über den großen Teich, Zeit und Gelegenheit ein wenig zu chillen, Käffchen und Bierchen an Deck zu schlabbern und endlich eine der beiden großen Fleischwürste anzubrechen und mit extra scharfem Senf runter zu schlingen … weiterhin keine besonderen Vorkommnisse, Stimmung gut, Wetter akzeptabel allerdings nicht ganz so warm wie am Vortag aber trocken. Nur Jupp machte uns mehr und mehr Sorgen, wollte er doch einfach nicht mehr fressen. Was allerdings laut unserem Fledermausexperten an Bord zu erwarten war, da der Prozentsatz von Babyfledermäusen, die ohne Mutterwärme und -nähe groß werden können nur ganz knapp über Null liegt.

Am Abend liefen wir dann im Hafen von Medemblik ein. Hier hatten sich unsere niederländischen Nachbarn mal wieder was ganz Tolles für uns einfallen lassen, sie organisierten extra für uns ein Hafenfest mit schwimmender Bühne und jeder Menge Action. Also denn, schnell einen passenden Parkplatz im Hafen gesucht, dieses Mal auch MIT Stromanschluss (na klar, für die Kühlung!), die Fender raus und die Leinen fest gemacht, kurz noch bei den Nachbarn vorgestellt und dann schnell das Abendessen gekocht: Die Menge war die gleiche wie am Vortag, das Gericht allerdings eine Variation: 2 Kilogramm Gyrosgeschnetzeltes mit 1.5 Kilogramm Nudeln – Maaahlzeit! Jupp brachte immer noch keinen Bissen herunter und hielt so leider sein Gewicht von 2.6 Gramm. Anschließend noch schnell unter die Dusche (endlich eine richtige Dusche!), den leichten Bieranzug angezogen und auf ins Dorf.

Vorher, doch das kann bzw. darf ich leider noch nicht anhand von Fotos belegen, da noch streng geheim, gab es noch ein Fotoshooting an Deck. Nur so viel, es handelte sich um die beiden Star-DJs DJ Decibel und Dr. Volume, die ein Fotoshooting an Bord der Jusephina gebucht hatten – Yes!

Medemblik sollte sich als uriges, kleines Hafenstädtchen entpuppen mit netten kleinen Kaffees und Kneipen, nur all zugut zu verstehen, dass Peter sich vor ein paar Jahren mit seiner Familie genau hier niedergelassen hatte. Es dauerte nicht lange, bis wir unsere Hafenkneipe ausgemacht und Stellung bezogen hatten. Hier schmeckte das Bier auch, nur die Portionen waren gemessen am Preis doch etwas zu klein, die Kellnerin sollte am nächsten Morgen Muskelkater in den Beinen haben: 2.00 EUR für 0.2 Liter Kaltschale! Aber was soll’s, der Seemann ist halt durstig!

Nachdem sich Peter am späten Abend von uns verabschiedet hatte, um die Nacht nicht an Bord sondern in seinem eigenen Bett zu verbringen, ging der Rest der Crew noch das eine oder andere Häuschen weiter bis sie schließlich am frühen Morgen wieder das Heimatschiff erreichte. Schnell noch die Kamera auf ein Stativ gebockt und eine Belichtungsreihe vom Hafen mit der aufgehenden Sonne im Hintergrund gemacht und dann endlich ab in die Koje, der letzte Tag mit reichlich Seemeilen vor der Brust wartete schließlich auf uns …

Wie angekündigt stand Peter mit einem frischen Guten Morgen Männer pünktlich um 08.30 Uhr in der Decktür, was für einige doch noch reichlich früh war. Sei es drum, Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps! Schnell war das Seglerfrühstück (ich könnte wirklich jeden Morgen Spiegelei mit Speck und Käse futtern) angerichtet, der Kaffee fertig und die Jungs an der Futterstelle versammelt. Dann, nach einer heftigen Spülorgie, bei der wir erst mal die Bordanlage testeten #Yeke Yeke hieß es ein letztes Mal Leinen los, Fender rein und wir tuckerten dem offenen Ijsselmeer entgegen, fertig für den letzten Kurs, der da hieß: Heimathafen Lemmer.

Während der letzten Fahrt über den holländischen Tümpel zeigte das Wetter eine weitere seiner zahlreichen Facetten, wenig Wind, dafür aber umso mehr Sonne, ohne Schutzfaktur und Hut ging an diesem Tag gar nichts, der Lorenz brannte allen aufs Dach, eine weitere Prüfung für Haut und Kreislauf. So dachten sich zwei Leute der Besatzung, Abkühlung tut hier dringend Not! Also denn, der Anker wurde geworfen und die Heck-Luke herunter gelassen und dann rein ins kühle Nass. Doch zuvor, so lernten wir, mussten wir noch eine Flagge hissen, damit andere Segler erkennen konnten, dass wir geankert haben. Doch was tun, wenn genau diese Flagge nicht auffindbar ist? Schwarz sollte sie sein … das Einzige was wir in der Eile finden konnten war unser schwarzer Putzeimer, der wenige Minuten später einige Meter über unseren Köpfen baumelte und der, so waren wir uns sicher, für reichlich Gesprächsstoff und Spott in den umliegenden Häfen sorgen sollte.

Leider wurde unser Törn an diesem Tag noch von einem traurigen Ereignis überschattet: Jupp hatte es wie vom Experten befürchtet nicht geschafft, ohne die nötige Mutterwärme hatten ihn trotz Sorgfalt und Hingabe seines Ziehvaters PJ am letzten Tag der Reise seine Kräfte verlassen. Wir spendierten ihm eine anständige Seebestattung – mach‘s gut Jupp!

So langsam neigte sich nicht nur der Sonntag dem Ende entgegen sondern leider auch der Segeltörn, nach reichlich Verkehr vor der Schleuse erreichten wir um 17.00 Uhr den Heimathafen in Lemmer, das restliche Material, unser Gepäck und die Crew gingen von Bord, die Tanks wurden wieder aufgefüllt und das Schiff fertig zur Endabnahme gemacht. Ende gut, alles gut. Doch bevor wir den Rückweg von gut 170 Km in unserem gut vorgeheizten VIP-Bus antraten, machten wir noch schnell einen Kahn für die nächste Segel-Tour im kommenden Jahr klar – es soll wieder eine Bavaria werden, allerdings darf sie gerne eine Nummer größer sein, da wir die Crew um 2 Personen aufstocken werden. So fiel die Wahl auf das nächst größere Modell, eine Bavaria 46! YES!

Das Fazit dieser Tour lässt sich leicht und locker auf ein einziges Wort zusammenfassen: GEIL! Danke an Peter unseren Skipper, wir haben eine Menge Spaß gehabt und dabei auch noch viel gelernt und einen weiteren, wunderschönen Teil unseres Heimatplaneten kennengelernt!

P.S.: Peter meinte übrigens auf der Rückfahrt, er nehme am Montag erst mal einen Snipperdag. Einen Was? Fragende Gesichter. Der Holländer nimmt sich einen Snipperdag, was bedeutet, er gönnt sich spontan einen freien Tag. Wow, Ihr Holländer habt es drauf, wobei ich nach dieser anstrengenden Tour wohl eher eine Snipper-Woche bräuchte.

P.P.S.: Merkzettel an die Crew: Im nächsten Jahr an Kabelbinder und einen Schwimmgrill denken!



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Hallo Webreisender, schön dass Du mich hier besuchst. Mein Name ist Jan Tervooren und ich bin der Photo Freak, Blogger und Fotograf aus Rhede bei Bocholt. In meinem persönlichen Foto-Blog schreibe ich, wie der Name bereits vermuten lässt, über meine größte Leidenschaft, die Fotografie. Meine Lieblingsfotos zeige ich auch in meiner Fotogalerie kuntabunta.

2 Kommentare

  1. Peter Reintjes 24. Juli 2012 um 19:01

    Hooi Jan,
    echt super Fotos, wenn ich nicht selbst dabei gewesen wäre würde ich echt neidisch werden. Bis zum nächsten mal.
    Gruß an die anderen.

    Groetjes Peter