Stadtaffe

Eigentlich wollte ich ja nur wie so oft den täglichen Feierabendstau auf der A3 umfahren doch da die Ausweichstrecke über die A59 auch bis obenhin voll gestopft mit rollendem, stinkendem Blech war, landete ich außerplanmäßig hier, in Duisburg Hochfeld, mitten im Ruhrpott am schönen Rhein.

Und nu?! Kein Problem, wo wir schon mal hier sind und rein zufällig auch noch die gefüllte Kameratasche dabei haben, nutzen wir doch die Gunst der Stunde für einen kleinen, spontanen Fotospaziergang im warmen Abendlicht. Ich muss gestehen, ich liebe das Ruhrgebiet und das nicht erst seit den Schimanski-Filmen in den 80ern sondern schon seit jeher. Ich mag diese mittlerweile perfekte Symbiose zwischen alten, schmutzigen Industrieanlagen, teils still gelegt, teils noch in Takt und dem Grün der Natur, das sich langsam aber sicher aus der Unterdrückung durch die Kohleöfen und Bergbauanlagen befreit und sich mit unaufhaltsamen Schritten das Revier zurück erobert.

Den ganzen Nachmittag über hatte es auch hier scheinbar wie im Rheinland, wo ich arbeite, stark geregnet. Die Wiesen standen tief im Wasser und die untergehende Sonne spiegelte sich darin in warmen Rottönen. Zunächst, als ich von der Hauptstrasse eigentlich nur zum Wenden (das Navi wollte es so) in die Sackgasse mit lang gezogenem Parkstreifen einbog war mir die Gegend nicht so ganz geheuer. Das hektische Stadttreiben verstummte mit jedem Meter den ich dem Ende der Strasse näher kam. Es war menschenleer. Nur ein siebener BMW mit verdunkelten Scheiben parkte auf dem Seitenstreifen. Die Türen waren halb geöffnet, so dass ich die vier zwielichtigen Gestalten darin erkennen konnte. Als ich langsam an ihnen vorbei fuhr musste ich böse und misstrauische Blicke entgegen nehmen.

Dennoch entschied ich mich meinen Volvo am Ende des Parkstreifens abzustellen, mir die Kameratasche zu schnappen und das Areal per Pedes zu erkunden. Der Himmel hatte sich mittlerweile wieder zugezogen, die letzten Sonnenstrahlen der untergehenden Abendsonne stachen durch die bedrohlich anmutenden Regenwolken. Ein kleines Mädchen auf einem pinken Kinderfahrrad fuhr immer wieder den menschenleeren, schmalen Weg auf und ab, die Situation war gespenstisch, wie in einem Psycho-Thriller. Rechts und links des Weges waren neue, symmetrische Baumgruppen angelegt worden, zu allen Seiten boten seltsam schräge Treppenaufgänge Aufstieg zu den höher gelegenen Partien von wo aus man das gesamte Gelände überblicken konnte.

Oben angekommen löste sich die Anspannung binnen Bruchteilen von Sekunden, obwohl ich immer noch alleine zu sein schien. Zu meiner Linken spannte sich eine alte Eisenbahnbrücke über Gevatter Rhein, zu meiner Rechten eine gewaltige Bogenbrücke. In Mitten des schier unendlichen Grüns der Wiesen lag eine bunte Oase fast wie ein Hochplateau, die sich beim Näher kommen als eine Art moderner Abenteuerspielplatz für Skater entpuppte, integriert in die Reste einer Industrieruine und von allen Seiten geschmückt mit gekonnt aufgetragenen Graffiti-Kunstwerken.

Das war wirklich ein freundlicher Ort, obwohl das gesamte Gelände wahrscheinlich aufgrund der instabilen Wetterlage vollkommen menschenleer war, konnte ich mir lebhaft vorstellen, wie es hier an warmen Sommertagen zugehen würde. Ich muss mir diese Location unbedingt merken dachte ich mir und war froh, dass ich meinen GPS-Adapter an der Kamera angeschlossen hatte, ohne die korrekten Koordinaten würde ich diesen Ort im Leben nicht mehr wieder finden. Und ich werde diesen Ort unter Garantie wieder aufsuchen, spätestens beim nächsten Outdoor-Portrait-Shooting, das steht schon jetzt fest!

Als ich das Wohnzimmer der Skater und die angrenzenden Katakomben fotografisch so weit abgegrast hatte lief ich noch einige Meter weiter in Richtung Rhein, der bisher nur ganz am Rande der Kulisse auftauchte. Auch hier bot sich mir trotz der gespenstischen Großstadtruhe und Menschenleere ein einladendes Bild. Ein künstlich angelegter Sandstrand in Form einer Chillout-Area direkt am Rheinufer. Da die Sonne mittlerweile schon sehr tief stand und die dunklen Wolken weitere, ergiebige Regengüsse ankündigten beschloss ich meinen kleinen Fotospaziergang auch an dieser Stelle.

Dank dem Stau auf der A3 hatte ich wieder einmal eine neue, spannende Foto-Location entdeckt und auf dieser Reise durch einen seltsamen Film die Zeit und die Welt um mich herum vollkommen vergessen können. Ich glaube genau diese Momente sind es, die mich immer wieder zutiefst entspannen und mir helfen den Alltagsstress hinter mir zu lassen. [Wie immer gilt auch hier: Für größere Bilder bitte jeweils auf das Foto klicken!]



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Hallo Webreisender, schön dass Du mich hier besuchst. Mein Name ist Jan Tervooren und ich bin der Photo Freak, Blogger und Fotograf aus Rhede bei Bocholt. In meinem persönlichen Foto-Blog schreibe ich, wie der Name bereits vermuten lässt, über meine größte Leidenschaft, die Fotografie. Meine Lieblingsfotos zeige ich auch in meiner Fotogalerie kuntabunta.

5 Kommentare

  1. Großartige Bilder einer interessanten Location.
    Es lohnt sich fast immer die eingefahrenen Wege zu verlassen.
    Das ist unter anderem der Grund, warum ich das Geocachen mit dem Fotografieren verbinde.
    Vielleicht spar ich mir das nächste mal den LaPaDu und mache einen Auslug nach Hochfeld (Süd) (-:

  2. Geocaching … wollte ich auch schon des Öfteren mal ausprobieren …
    Aber hast Recht, den LaPaDu kenne ich mittlerweile auch auswendig,
    freue mich daher auch immer über Neuentdeckungen und
    bin immer dankbar für Location-Tipps!

  3. Pingback: Auf Schimanskis Spuren - Unterwegs in Duisburg - Matena-Tunnel | Photo-Freak